THEATER DER ZEIT – NEUBEGINN IN NÜRNBERG

Feuer und Flamme

Jan Philipp Gloger entfacht bei seinem Start als Schauspieldirektor am Staatstheater Nürnberg nicht nur Begeisterung für lonesco, sondern auch für das neue Team
von Christoph Leibold

 

Jan Philipp GlogerJan Philipp Gloger wurde 1981 in Hagen geboren und hat in Gießen Angewandte Theaterwissenschaft und in Zürich Regie studiert. Seit 2007 arbeitet er als freier Regisseur unter anderem am Residenztheater in München, am Deutschen Theater Berlin, an der Schaubühne in Berlin sowie am Nationaltheater Mannheim. 2011 bis 2013 war er Leitender Schauspielregisseur am Staatstheater Mainz. Gloger inszeniert auch Opern, zum Beispiel bei den Bayreuther Festspielen und am Royal Opera House in London. Seit dieser Spielzeit ist er Schauspieldirektor am Staatstheater Nürnberg. –  Foto Katrin Binner

 

Lässt sich mit Eugene Ionescos absurdem Theater heute noch Begeisterung entfachen? Vor dem Start von Jan Philipp Gloger als neuem Schauspieldirektor am Staatstheater Nürnberg schien das in etwa so wahrscheinlich wie die Möglichkeit, dass ein Stein Feuer fängt. Glogers Vorhaben, mit einem Ionesco-Abend loszulegen, wirkte geradezu aberwitzig wagemutig. Doch das Risiko wurde belohnt. Nach diesem Auftakt glimmt nicht nur das Interesse an lonesco wieder auf. Vor allem ist man Feuer und Flamme für die neue Nürnberger Mannschaft, die sich unter der neuen Generalintendanz von Jens-Daniel Herzog zusammengefunden hat.
Um zu untersuchen, wie sich das absurde Theater zu unserer immer absurder erscheinenden Welt verhält, hat Gloger zwei lonesco-Stücke zu einem Abend kombiniert, der unter der Überschrift „Ein Stein fing Feuer“ Ende September Premiere feierte. Der Titel ist ein Zitat aus „Die kahle Sängerin“. Er steht dort in einer langen Reihe skurriler Sätze wie etwa der Frage nach der Titelheldin: „Was macht die kahle Sängerin?“ Antwort: „Sie trägt immer noch die gleiche Frisur!“ Doch statt der kahlen Sängerin, die nur einmal erwähnt wird, aber nie auftritt (erst am Ende des Abends schaukelt sie kurz an der Decke), begegnen wir dem Ehepaar Schmidt, das in Nürnberg in einem Schöner-Wohnen-Zuhause im IKEA-Look lebt (Bühne Marie Roth) und Besuch von den Martins bekommt – aus heiterem Himmel, wie es scheint, denn anfangs zeigen sich die Gastgeber verblüfft. Aber schon wenige Sätze später erklären sie, dass es aber auch wirklich Zeit gewesen sei, man warte ja nun schon seit Stunden! Ionescos Figuren reden viel derlei ungereimtes Zeugs, wenn sie nicht gerade Worthülsen wälzen. Das liest sich nur mäßig komisch. Aber im sich klammheimlich ins Überspannte steigernden Alltagston, den Gloger seinem Ensemble verordnet hat, und im neubürgerlichen Interieur zwischen Couchgarnitur, Zimmerpflanzen und Kunstdrucken an den Wänden entfaltet der Text loriotartigen Witz. So weit, so vergnüglich. Doch dabei bleibt der Abend nicht stehen.

 

Neben Tagebuch- und Interviewaussagen Ionescos, in denen sich die Skepsis des Dramatikers gegenüber der Rationalität des Menschen ausdrückt, hat Gloger auch absurde Aussagen von Zeitgenossen wie Donald Trump in seine Inszenierung montiert, etwa die Behauptung des US-Präsidenten, der Klimawandel sei nur eine Erfindung der Chinesen, um die US-Wirtschaft zu torpedieren. Erstaunlicherweise erscheinen Ionescos Merkwürdigkeiten im Gegenwartskontext keineswegs als von der Realität meilenweit überholt. Eher wirkt es so, als hätte der Autor den heutigen Irrsinn vorweggenommen. Zu erleben ist eine in sinnentleerten Sprach- und Verhaltensroutinen gefangene Spießbürgerlichkeit, die umso hartnäckiger an der eigenen Lebensform festhält, desto hohler sie wird, wie Gloger anhand von Ionescos „Die Unterrichtsstunde“ vorführt.

Ein zunehmend übergriffiger Professor drangsaliert seine Schülerin. Gloger inszeniert das nicht als Beitrag zur MeToo- Debatte, sondern als Aufeinandertreffen einer jungen Migrantin mit einem Oberlehrertypen, der sie mit Schulstoff traktiert, als gelte es, ihr deutsche Leitkultur einzutrichtern. Auch so ein absurdes Ansinnen, mit dem Teile der bürgerlichen Mehrheitsgesellschaft hierzulande ihre Lebensform gegen Veränderung zu verteidigen versuchen – allen Auflösungserscheinungen zum Trotz, die Gloger sichtbar macht, indem er das wohnzimmerrealistische Spießeridyll des ersten Teils zerlegt. Möbel und Kulissenteile haben einer großen Wand Platz gemacht, an der der gesamte Hausrat haftet wie Klettersteine an einer Boulder-Wand, an der die Schauspielerinnen und Schauspieler akrobatisch herumturnen.

Später verschwindet auch diese Wand, das Ensemble sitzt nun im leeren Raum zwischen zwei Zelten um ein Lagerfeuer, und man fragt sich: Ist das noch Campingurlaub oder schon der Rückfall in die Steinzeit nach der Apokalypse, weil die Welt am wachsenden Irrsinn zugrunde gegangen ist? Jan Philipp Gloger hat sich vorgenommen, an seiner neuen Wirkungsstätte eine Vielfalt an Theatersprachen zu etablieren. Nach 18 Jahren unter seinem Vorgänger Klaus Kusenberg sieht er Nachholbedarf. Um dabei jedoch nicht zum profilschwachen Gemischtwarenladen zu verkommen, hat er intern die Losung ausgegeben, „in Extreme zu gehen. Das, was wir an unterschiedlichen Theaterformen anbieten, soll möglichst ausgeprägt sein.“

In seiner Antrittsinszenierung fächert Gloger selbst gleich mal eine beachtliche Bandbreite an Spielarten auf – von der Well-made-Dramaturgie des Anfangs bis hin zu einem happeningartigen Finale, bei dem das Publikum zu einer partylaunigen Feier des Absurden auf die Bühne gebeten wird. Zwei Stunden haben bewährte Nürnberger Ensemble- Zugpferde wie Julia Bartolome und Frank Damerius sowie Neuzugänge wie Lisa Mies und der fantastische Sascha Tuxhorn so perfekt harmoniert, als würden sie schon ewig zusammenspielen.

Nun lädt diese neue Spielgemeinschaft in einer symbolischen Umarmungsgeste auch die Zuschauer ein, teilzuhaben und die Bühne als Ort gemeinsamer Sinnsuche in einer zunehmend sinnentleerten Welt zu begreifen.

Anderntags macht Boris Nikitin das Theater gleich ganz zur Kirche. Die „Aufführung einer gefälschten Predigt über das Sterben“, die der Schweizer für die Nebenspielstätte Kammerspiele entwickelt hat, kommt tatsächlich als Frontalansprache ans Publikum daher. Flankiert von einem Gospelchor, räsoniert der Performer Malte Scholz über die Bedeutung des Todes für unser Leben. Dabei spricht er zwar nicht von der Kanzel, sondern tigert auf der Bühne auf und ab wie ein amerikanischer Baptistenprediger, wobei er leider das entsprechende Charisma vermissen lässt. Dass sich Scholz im Laufe des Abends auszieht, stößt die Zuschauer überdeutlich darauf, dass hier die nackte Existenz des Menschen verhandelt wird, und führt dazu, dass man sich – trotz des kirchenuntypischen Strips – bepredigt fühlt. Sei’s drum. Als Beitrag zum Formenspektrum geht die Aufführung ebenso in Ordnung wie das „Kabinett der vereinigten Vergangenheiten“, ein Partizipationsprojekt des Künstlerkollektivs Geheimagentur, das Lehren aus der Stadtgeschichte ziehen will, um anschließend mit dem Publikum politische Maßnahmen für eine bessere Zukunft zu verabschieden, die tatsächlich als Eingaben im Nürnberger Rathaus landen sollen.

Der Bezug zur Stadt ist überhaupt etwas, das Jan Philipp Gloger dringend vertiefen will. In Nürnberg, wo fast die Hälfte aller Bürger Migrationserfahrung hat, muss sich Diversität auch im Ensemble widerspiegeln, so seine Überzeugung. Dementsprechend hat er seine Truppe zusammengestellt. Wobei es etwas bedeuten kann,wenn ein Mensch mit Migrationshintergrund auf der Bühne steht (wie bei Süheyla Unlü als Schülerin in Ionescos „Unterrichtsstunde“), aber nicht zwingend etwas aussagen muss.

In Anne Lenks Inszenierung von Anton Tschechows „Die Möwe“ jedenfalls, der zweiten Produktion im Schauspielhaus am Eröffnungswochenende, ist die Besetzung kein Kommentar zum Stück. Lenk, als neue Hausregisseurin an Nürnberg gebunden, zeigt Tschechows Provinzpersonal als Panoptikum skurriler Charaktere, wobei gilt: je kleiner die Figur, desto kurioser. Tjark Bernaus Dorfschullehrer Medwedenko etwa ist die ebenso hirn- wie sonnenverbrannte Servilität in Person, der Landarzt Dorn von Raphael Rubino ein eitler Latin Lover, der das üppige Brusthaar ostentativ aus dem knappen Hemd quellen lässt. Anne Lenk hat diese so komischen wie traurigen Typen ausgesetzt oder, je nachdem, wie man’s nimmt, eingesperrt in den leeren, grauen und vor allem türenlosen Kasten von Bühnenbildnerin Judith Oswald. Wie auf verlorenem Posten stehen sie dort herum. Und zugleich gefangen in der Enge der Verhältnisse. Allein die Kunst scheint ihnen einen Ausweg zu versprechen, sei es, indem sie sich selbst als Künstler versuchen oder indem sie ihre Sehnsüchte auf diese Künstler projizieren. So wie die Gutsbesitzertochter Nina, die jeden, der nur den leisesten Anschein von Bohemienhaftigkeit erweckt, bedingungslos anhimmelt und deren eigener hochfliegender Traum von der Schauspielerei in einem Absturz endet wie der Flug der Möwe, die der Möchtegerndramatiker Kostja vom Himmel schießt. Blauäugigkeit ist bei Pauline Kästners Nina nicht nur eine Eigenschaft der Iris.

Lenks Inszenierung bietet klassisches Schauspielertheater, in dem das Ensemble einen erfreulich modernen Ton trifft und einige Glanzlichter setzt. Cem Lukas Yeginers Kostja, der ein neues Theater etablieren will, ist ein Trotzbrocken und Trauerkloß, jederzeit bereit, an die Decke zu gehen, wenn seine Mutter, die Starschauspielerin Arkadina, gegen ihn stichelt. Doch je größer Kostjas Verzweiflung wird, desto stiller wird Yeginer. Bis er am Schluss implodiert. Seine Mutter nimmt den umgekehrten Weg. Das Rückzugsgefecht der alternden Diva begleitet Ulrike Arnold mit zunehmend fahriger Gestik, die sich allmählich zum wilden Armrudern einer Seiltanzartistin weitet, die um Balance ringt angesichts des Abgrunds namens Alter, der sich immer bedrohlicher unter ihr auftut.

Während die hochtrabenden Ansprüche und die überzogenen Erwartungen Tschechows Figuren in ihren Unzulänglichkeiten nur umso kümmerlicher erscheinen lassen, könnten die künstlerischen Ambitionen der neuen Theaterleitung tatsächlich den Weg aus dem Aufmerksamkeitsloch weisen, in dem Nürnberg steckt. Gemessen an den Möglichkeiten des Hauses, das seit 2005 im Rang eines Staatstheaters steht, müsste dieses Theater doch eine bedeutendere Rolle in der überregionalen Wahrnehmung spielen, findet Gloger. Deshalb hat er prominente Namen für seine erste Saison verpflichtet. Armin Petras wird demnächst ebenso bei ihm inszenieren wie Dieter Dorn, einst Glogers Mentor am Bayerischen Staatsschauspiel in München, wo der neue Nürnberger Schauspielchef sein erstes Stück von Philipp Löhle inszenierte. Eine Reihe weiterer sollte folgen. Nun ist Löhle Hausautor in Nürnberg und wird nicht nur ein neues Stück für diese Spielzeit schreiben, sondern zudem als Kurator der Reihe Import/ Export zur internationalen Vernetzung beitragen. Solche großen Namen, ist sich Gloger sicher, „bringen immer auch Energie ins Haus“. Darüber hinaus wünscht er sich einen Ort, an dem er die eigene kreative Energie bündeln kann. Der Hauptgrund dafür, dass er sich auf die Leitungsaufgabe eingelassen hat, war „nicht das Leitenwollen, sondern das Bleiben wollen. Ich möchte daran glauben, dass Theater Spuren hinterlässt. Und ich möchte anfangen, diese Spuren lesen zu können. Als herumreisender Regisseur bekommt man dazu nur selten die Gelegenheit.“

Mit seiner Nürnberger Eröffnung hat Jan Philipp Gloger erste Fährten gelegt, denen man mit frisch entfachter Begeisterung gern folgt.

 

 

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