DIE SCHLACHT • MÜLLER

Zwischen 1991 und 2001 inszenierte ich am Hessischen Landestheater Marburg neben meiner Arbeit als Schauspieler auch regelmäßig.Es entstanden in dieser Zeit 17 Inszenierungen der unterschiedlichsten Richtungen.
Ganz besonders gern habe ich für Kinder gearbeitet.
Die am Theater oft ungeliebten Weihnachtsmärchen waren immer auch eine Herausforderung für mich.
Neben diesen Stücken, waren es aber vor allem die Klassiker die mich interessierten.

Sehen sie sich einige Bilder meiner Inszenierungen an.
Lesen sie Kritiken und schauen Sie, welche Schauspieler die Rollen in diesen Stücken spielten.

 

Besetzung
Frank Damerius
Ausstattung
Dramaturgie
Assistenz
Frank Damerius
Axel Pfefferkorn
Ulrike Rohde
Meike Kremer
Darsteller
Alle Schauspieler in verschiedenen Rollen: Cornelia Schönwald
Kerstin Westphal
Michael Boltz
Thomas M. Held
Christof Küster
Gabriel Spagna
Ronald O. Staples
Bernd Kruse

BILDER


KRITIK

Die Freiheit stand auf in Deutschland…- …und was dabei herauskam, ist bekannt

Deshalb interessiert sich Frank Damerius auch weniger für die Geschichte(n) als für die Psychologie des NS-Regimes.
Am Hessischen Landestheater hatte seine Inszenierung von Heiner Müllers „Die Schlacht“ Premiere
Express, Martin Meyer-Stoll

Als Heiner Müller 1951 die ersten Entwürfe der fünf Szenen aufschrieb, die er 1974 zur „Schlacht“ zusammenfasste, wollte er zeigen, wozu Menschen in Extremsituationen fähig sind. Nicht plakativ darstellend, nicht anklagend, nicht erklärend, denn: „Lösungen interessieren mich nicht. Ich kann keine anbieten.“ Vielmehr ging es ihm um die Fühlbarmachung der Faszination der Grausamkeit.
Grausamkeit, alltäglich, als Voraussetzung des eigenen (Über-) Lebens. Soldaten an der Ostfront essen ihren Kameraden; ein Fleischer massakriert mit seiner SA Ortsgruppe einen notgelandeten Amerikaner; SS-Männer hängen einen Deserteur, als die Rote Armee schon um die nächste Häuserecke biegt; ein Mann tötet seinen Bruder, der unter der Gestapo-Folter zum Verräter wurde. Und das soll faszinierend sein?
Schnitt. Ein Biergarten. Blau-weißes Ambiente, ein Maibaum mit Weißwürsten dran, Lichterketten, eine Discokugel dreht sich. Die Besucher an den Klapptischen sitzen vor ihren Gläsern und warten auf die Kapelle, die gleich auf der Bühne erscheinen soll. Befremdung, als die Kapelle auftaucht und von Schutz und Trutze, Memell Etsch und Belt singt. Eine Befremdung allerdings, die der Tatsache geschuldet ist, dass sich dieser Biergarten im Theater am Schwanhof befindet und die Besucher sich aus größtenteils älterem Premierenpublikum rekrutieren, das von der Szenerie offensichtlich etwas überrascht ist. Unterhaltung wird hier nicht geboten, auch kein episches Theater.
Von Brecht distanzierte sich Heiner Müller nicht nur in der Didaktik seines -Theaters – „Was Verantwortlichkeit angeht, sind Künstler wie Kinder“ -, sondern allgemein in seinem Glauben bzw. Unglauben an die Verbesserlichkeit des Menschen. Der Pessimist Müller glaubte allenfalls an die Möglichkeit, dem Individuum – mittels.Schocktherapie etwas beizubiegen: „Ich glaube, dass man mit Trost keinen Mut macht. Lernen durch Schrecken, so lernen die Tiere, und so lernen die Menschen.
Und so bemüht sich Frank Damerius in seiner Inszenierung, – die Biergartenbesucher ein wenig: vor sich selbst erschrecken zu lassen – Ein wichtiger Schlüssel zum Verständnis militaristischer Massenpsychosen ist die Musik. Marschmusik zwingt einen geradezu in den Gleichschritt, damals wie heute, und mit Tausenden Gleichgesinhter „Heute gehört uns Deutschland und morgen die ganze Welt zu singen, neutralisiert Ängste und lenkt von lästigen moralischen Bedenken ab. Und so wechseln sich auf der von Axel Pfefferkorn sehr effektvoll ausgestatteten Bühne, die ohne Abgrenzung den Zuschauerraum mit einbezieht, Müllers Mordszenen mit stimmungsvollen Zwischenspielen ab:
„Die Schlacht“ als Nummernrevue. Ein Tänzchen zum Horst-Wessel-Lied, ein Tränchen bei „Lili Marleen“, die Fahne hoch, wenn die Soldaten durch die Stadt marschieren, bis alles in Scherben fällt, davon geht die Welt nicht unter, sie wird ja noch gebraucht.
Ohne Technik, ohne Einspielungen wird da musiziert, alles kommt von den Darstellern. Gitarre, Trommeln, ein Klavier und eine Querflöte reichen aus: Es zwingt einen fast zum Mitsingen. Einfache Harmonik, schwungvolle Melodien und gruppendynamische Texte, so funktionieren christlicher Jugendgruppenrock, Schlagerparties und schon immer auch Militärparaden jeglicher Ideologie; auch die Internationale wäre ein hervorragendes Beispiel. Natürlich ist es völlig grotesk, wenn die übriggebliebenen Winterkrieger „Ich hatt‘ einen Kameraden“ singen als wär’s ein Stück von mir“ in makabrer Doppeldeutigkeit -, aber immer wieder gehen die Faschistenhits in die Beine. In seinen Erinnerungen „Krieg ohne Schlacht“ beschreibt Müller, wie ihm die Liedzeile „Wir werden weitermarschieren, bis alles in Scherben fällt“ Schauer über den Rücken jagte.
Die acht Schaupielerlnnen, die unter der Dramaturgie von Ulrike Rohde tanzen, singen und schlachten, spielen bis zu sechs Rollen. Im Gedächtnis bleiben besonders Thomas M. Held und Gabriel Spagna als Brüder in „Die Nacht der langen Messer“, was aber vor allem daran liegt, dass diese erste die am wenigsten groteske Szene ist; hier gibt es keine Überzeugungstäter, sondern nur Verzweiflung. Aber wo verläuft die Grenze zwischen Überzeugungstätern und Verzeifelten, die der Einfachheit halber mitsingen? „Soldaten müssen die Mädels küssen und immer lustig sein“ – und der Mensch muss seiner Herde nachlaufen.
Zögerlicher, aber langer Applaus.

DER WIDERSPENSTIGEN ZÄHMUNG • SHAKESPEARE DER DRACHE • SCHWARZ
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